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Die Geometrie steckt längst in den PDF-Plänen

  • Autorenbild: Robin Sticher
    Robin Sticher
  • vor 1 Tag
  • 5 Min. Lesezeit

Was Planer von der Blechfertigung lernen können


Egal ob Maschinenbau oder Architektur: Der Datenaustausch per PDF ist ein tägliches Ärgernis. Anhand eines Proof-of-Concepts aus der Fertigung zeige ich, wie wir aus einfachen Vektor-PDFs wieder schneidbare CAD-Daten erstellen und warum das der Schlüssel für zukünftige Automatisierungen in der Gebäudeplanung ist.


Ein Lohnfertiger soll ein Teil kalkulieren. Was ankommt, ist ein PDF.


Eine Zeichnung eines Aluminium-Blechs mit 5 löchern. Screenshot eines PDF Plans.
Ein Beispiel-PDF eines einfachen Blechs mit 5 Löchern

Nicht, weil das Modell verlorengegangen wäre. Sondern weil der Kunde es nie herausgeben wollte. Das Modell ist das Produkt. Das PDF ist das, was man in der Angebotsphase verschickt, bevor der Auftrag vergeben ist, an einen Betrieb, für den man sich noch gar nicht entschieden hat. Dieser Datenaustausch ist bewusst verlustbehaftet. Er ist der Normalfall, nicht die Panne.


Geschnitten werden muss das Teil trotzdem. Also öffnet jemand das PDF auf dem einen Monitor, das CAD auf dem anderen, und zeichnet die Kontur von Hand nach. 15 bis 45 Minuten pro Teil, je nach Komplexität.


Rechnen wir das kurz hoch: Bei nur 10 Angeboten am Tag sind das im Schnitt 5 Stunden gebundene Arbeitszeit einer hochqualifizierten Fachkraft. Das ist mehr als ein halber Arbeitstag, der in das reine Abtippen von Daten fließt, für Aufträge, die man in der Angebotsphase vielleicht nicht einmal gewinnt.



Jedes Abtippen eines Maßes und händisches Übertragen von Koordinaten ist eine Gelegenheit, Fehler zu machen, die erst beim Schneiden auffallen.


Und genau das macht die Sache lohnend: Die Geometrie steckt bereits in der Datei. Ein aus dem CAD exportiertes Vektor-PDF enthält die exakten Koordinaten. Sie sind dort nur als Seiteninhalt beschrieben. Als namenlose Liniensegmente, vermischt mit Maßlinien, Schriftfeld und mehreren Ansichten desselben Teils. Das Format gibt den Daten keine semantische Bedeutung. Was eine Linie ist, die das Bauteil beschreibt, und was eine Bemaßungslinie ist, ist Interpretationssache.


Die Chance einer Automatisierung: Vektor-PDF einlesen, die schneidbare Kontur erkennen und als DXF ausgeben.


Die Vorteile sind offensichtlich:

  • Direkte Zeitersparnis

  • Fehlerminimierung

  • Keine Abhängigkeit von der CAD-Software des Kunden


Die Herausforderung ist die Interpretation.



Was dabei tatsächlich passieren muss


Die Koordinaten auszulesen ist der einfache Teil. Drei Dinge dazwischen sind schwieriger, als sie aussehen und die sind das eigentlich Interessante an diesem Beispiel.



Welche dieser Linien beschreibt das Bauteil?


Ein Zeichnungsblatt trägt mehrere Ansichten, einen Rahmen, ein Schriftfeld und eine Änderungstabelle. In einem Segmentierungsschritt wird die Geometrie analysiert und die Linien, die das Bauteil beschreiben, von den Linien, die nur der Dokumentation dienen, getrennt. Dafür werden die Linienstile nach ihrer Dicke und ihrem Muster ausgewertet und kategorisiert. Die Bemaßungslinien sind in der Regel dünner und gestrichelt, während die Konturen des Bauteils dicker und durchgezogen sind.


Anhand dieser Kategorisierung lässt sich die Geometrie gruppieren und topologisch analysieren. Es werden zusammenhängende Liniensegmente identifiziert, die eine geschlossene Kontur bilden. So wird sichergestellt, dass nur die relevanten Linien für die DXF-Ausgabe berücksichtigt werden und damit das Endergebnis tatsächlich geschnitten werden kann. Genauso lassen sich daraus etwaige Löcher oder Aussparungen im Bauteil erkennen, die ebenfalls in der DXF enthalten sein müssen.


Das Aluminium-Blech mit 5 Löchern. Die Konturen und Löcher sind jeweils mit rot bzw. blau nachgezeichnet.
Die automatisch identifizierten Linien, die das Produkt selbst beschreiben (rot: Außenkontur, blau: Löcher) - ohne Hilfslinien und Bemaßungen

Auf Grundlage der erkannten geschlossenen Segmente und ihrer räumlichen Anordnung kann zwischen den verschiedenen Ansichten unterschieden werden.

Die Isometrie ist dabei übrigens meist die detaillierteste Darstellung auf dem Blatt und gleichzeitig die einzige Ansicht, aus der nie eine schneidbare

Kontur generiert werden kann.


Bögen sind keine Bögen. Kreise sind keine Kreise.

Die Referenzzeichnung, mit der ich angefangen habe, enthielt 1680 Geradensegmente und exakt null Kurvenoperatoren. Jede Verrundung, jede Bohrung, jeder Radius wurde vom Exportfilter des CAD-Programms in eine Aneinanderreihung winziger Linien zerlegt. Auch Tesselation genannt. Wer das unverändert als DXF ausgibt, bekommt eine Kontur, die der Laser bereitwillig als Vieleck schneidet.


Die Segmente müssen also wieder zu echten Bögen und Kreisen zusammengefasst werden. Die Software erkennt diese Linienfragmente und rechnet sie mathematisch wieder zu echten, sauberen Radien und Kreisen zusammen. Der Laser schneidet so eine perfekte Rundung statt eines Vielecks.



Wie groß ist das Teil wirklich?

Es mag trivial erscheinen, doch das ist der Punkt, an dem am meisten hängt, und er wird entsprechend streng behandelt. Das Werkzeug nimmt nie einen Maßstab an. Es liest die Maßtexte der Zeichnung, ordnet jede Bemaßung der Geometrie zu, die sie misst, und verlangt mindestens drei unabhängige Maße, die bis auf eine kleine Toleranz übereinstimmen, bevor es einen Maßstab akzeptiert. Nur wenn die Bemaßung der Geometrie eindeutig ist, wird die DXF ausgegeben.


Dasselbe gilt für die Einheiten. Eine metrische Zeichnung als Zoll zu lesen, ist ein Fehler um den Faktor 25,4. Geprüft werden drei Signale: eine explizite Vorgabe, eine Angabe auf dem Blatt und die Schreibweise der Maßzahlen (die Zollbemaßung schreibt `.500`, die metrische `25`; Gewindeangaben wie `M6x1.0` gegenüber `1/4-20 UNC` sind eindeutig).


Der Grundsatz, auf dem das Ganze steht


Wer Daten automatisiert interpretiert, arbeitet immer mit Annahmen, die auf einer bekannten Datenbasis beruhen. Sobald Kundendaten diesen Annahmen widersprechen, kann das Ergebnis unbrauchbar werden.


Ein konkretes Beispiel:

Ziel dieses Werkzeugs ist es, die DXF für den Zuschnitt zu erzeugen. Enthalten die Bauteile Features, die gefräst werden müssen, ist der Algorithmus nicht in der Lage zu verstehen, was in der Zeichnung vorgeht. Gleichzeitig befinden wir uns sowieso außerhalb des Anwendungsbereichs. Und DXF Dateien sind hier generell ungeeignet.


Deshalb ist die Devise: lieber einen Fehler melden als zu raten. Bevor DXF Dateien ausgegeben werden, die nicht das komplette Bauteil beschreiben, muss ein Mensch mit eingebunden werden, um die nächsten Schritte zu bestimmen.


Was außer der DXF herauskommt


Für die Angebotsphase ist die DXF nur ein Teil der benötigten Informationen. Ein Laser- oder Wasserstrahlbetrieb rechnet über Anzahl der Einstiche, Schnittlänge und Materialfläche. Selbstverständlich kann man die DXF in ein CAM-Programm laden und die Schnittlänge und Fläche berechnen, doch es stellt sich heraus, dass diese Informationen als Nebenprodukt der DXF-Ausgabe direkt vorhanden sind.


Darüber hinaus können Informationen aus dem Schriftfeld der Zeichnung extrahiert werden, wie z.B. Materialart, Materialdicke, Stückzahl und andere relevante Angaben. Diese Informationen sind für die Preiskalkulation entscheidend.


Wo das Ganze hingehört


Das ist bewusst kein allgemeiner PDF-nach-CAD-Konverter, und es ist keine 3D-Rekonstruktion aus Ansichten. Es ist ein Proof-of-Concept, das zeigt, was aus einer Vektor-PDF alles herausgeholt werden kann, wenn man die richtigen Annahmen trifft und die richtigen Algorithmen anwendet.


Darauf aufbauend kann man komplette Workflows für die Angebotsphase automatisieren, die den Lohnfertiger von der manuellen Nachzeichnung befreien und die Fehlerquote drastisch reduzieren.


Von der Blechkontur zum Gebäude-Grundriss


Was hier am Beispiel eines einfachen Bauteils für den Laserschnitt funktioniert, ist nur der Anfang. Die zugrundeliegende Logik, also das semantische Verstehen von Linien, Maßstäben und Einheiten aus einem Vektor-PDF, lässt sich direkt auf die Architektur und Fachplanung übertragen.


So ist es möglich, auf dieser Technologie aufbauend eine Erkennung für Gebäude-Grundrisse zu entwickeln. Stellen Sie sich vor, Sie erhalten als TGA-Planer ein PDF vom Architekten und generieren daraus automatisiert eine saubere DWG-Basis für Ihre Leitungsplanung, ohne Wände und Durchbrüche mühsam nachzeichnen zu müssen. Das bedeutet selbstverständlich neue Annahmen und neue Probleme, die es zu lösen gilt. Aber die Grundidee ist dieselbe: Die Geometrie steckt bereits in der Datei, man muss sie nur erkennen und in die richtige Form bringen.




Sie kennen das Problem der manuellen Datenübernahme aus PDF-Plänen aus Ihrem Planungsalltag? Nehmen Sie gerne ganz unverbindlich Kontakt auf.

Ich suche aktuell den Austausch mit Planungs- und Ingenieurbüros, um solche Automatisierungspotenziale gezielt für Ihre Branche nutzbar zu machen.

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